Ein Einblick in die niederländische Proteinwende
Rückblick auf unser erstes Lunch & Learn-Event: ‘From Polarisation to Partnership’ mit Jeroen Willemsen
Am 24. Februar 2026 fand die erste Lunch & Learn-Session von Protein Transition Switzerland statt. Rund 50 Teilnehmende kamen teilweise physisch im Büro des WWF Schweiz in Zürich sowie online zusammen. Die Session wurde gemeinsam mit dem One Planet Lab durchgeführt. Ziel der neuen Reihe ist es, internationale Erfahrungen rund um die Arbeit an der Proteinwende für den Schweizer Kontext einzuordnen und anschlussfähig zu machen.
Im Zentrum der ersten Session stand Jeroen Willemsen, der in den Niederlanden über mehrere Jahre an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zum Thema der Proteinwende gearbeitet hat. Aktuell ist er als Mitgründer der Green Protein Alliance sowie als Innovation Lead Protein Transition bei Foodvalley NL tätig. In seinem Beitrag zeigte er auf, wie sich in den Niederlanden der Fokus schrittweise von stark polarisierten Debatten hin zu pragmatischeren Kooperationsansätzen verschoben hat.
Neue Dynamik: Balance statt Konfrontation
Willemsen beschrieb, wie in den Niederlanden mit klar formulierten Zielbildern gearbeitet wurde, um Diskussionen zu strukturieren und unterschiedliche Akteure ins Gespräch zu bringen. Als Beispiel nannte er das häufig zitierte 50:50-Verhältnis von pflanzlichen und tierischen Proteinen im Konsum, das in der öffentlichen Debatte als Orientierungsgrösse dient. Entscheidend sei dabei weniger die Zielzahl an sich als ihre Funktion, einen gemeinsamen Referenzrahmen zu schaffen. Statt eines 0:100-Narrativs gehe es seiner Meinung nach um Wiederherstellung von Balance im Protein-Split. Dieses Narrativ schaffe plötzlich ein gemeinsames Ziel und erleichtere die Einladung an weitere Akteur:innen, sich an konkreten, greifbaren Zielen zu beteiligen.
Ein zentraler Gedanke war: "Wir müssen eine bessere Party für die Late Majority schmeissen!" Lösungen müssen das Leben der breiten Bevölkerung einfacher machen und Transformation darf nicht nur über Konsum gedacht werden, sondern muss Produktion und Wertschöpfung einbeziehen.
Pflanzen & Tiere gemeinsam denken
Ein weiterer wichtiger Punkt seines Beitrags war die komplementäre Nutzung von pflanzlichen und tierischen Produkten. Willemsen betonte, dass Tiere und Pflanzen "Friends with Benefits" sind: Die Förderung und Bildung zu Leguminosen und Hülsenfrüchten sowie die Integration statt Gegenüberstellung von pflanzlichen und tierischen Produkten seien zentrale Aspekte.
Hybridprodukte wurden in diesem Kontext als wichtiger Hebel beschrieben. Beispiele sind verbesserte Rezepte von ehemals geräucherten Würsten, die von klassischen Fleischverarbeitern produziert werden. In den Niederlanden machen Hybridprodukte bereits 60% des Sortiments beim grossen, nationalen Retailer Jumbo aus. Das Grundprinzip ist, tierische Produkte mit pflanzlichen Zutaten anzureichern, wie Kichererbsen, Ackerbohnen und Eiweisserbsen. Auch das Produkt AH Halfvolle zuiveldrink mit 70% Weidemilch und pflanzlichen Zutaten wurde diskutiert.
Bubble verlassen und bestehende Trends nutzen
Willemsen betonte, dass zahlreiche Initiativen innerhalb ihrer eigenen Bubble bleiben. Die zentrale Frage laute daher: Wie können wir eine bessere Party schmeissen, indem wir bestehende Trends aktiv aufnehmen und nutzen?
Ein kritisches strukturelles Problem sei die Entkopplung zwischen Landwirtschaft und Einzelhandel/Gastronomie. Prioritäre Aufgaben seien die Wiederverbindung von Landwirt:innen mit Einzelhandel und Gastronomie sowie der Aufbau konkreter Partnerschaften und Vereinbarungen. Ein Beispiel hierfür in den Niederlanden sei Edamame, die als hochwertige Bohne positioniert und deren Anbau über Produzentenorganisationen organisiert wird.
Framing & Kommunikation gegenüber Konsument:innen
Ebenfalls wichtig sei der Wiederaufbau von Beziehungen zu Verbraucherorganisationen. Eine grosse Konsumentenorganisation wurde wieder als Partner gewonnen. Kommunikative Learnings sind: Nicht "weniger Fleisch", sondern "pflanzlich angereicherte" Produkte. Beispielhafte Reframing-Logik: "Weniger Fleisch in deinem Fleisch". Ziel ist es, die Kategorie zu erweitern statt Verzicht zu kommunizieren.
Neue Ernährungstrends: Fokus Ballaststoffe
Neben Protein rücken Ballaststoffe immer stärker ins Zentrum. Der Trendbegriff "Fibermaxxing" wurde als vermutlich kommender grosser Ernährungstrend beschrieben. Die Grundidee ist die Förderung von Ballaststoffen über alltägliche Standardprodukte, ohne spezielle Regale oder Umwege im Supermarkt.
Nationale Proteinstrategie & Marktstruktur
Ein entscheidendes Element der nationalen Proteinstrategie der Niederlande sei das 50:50-Narrativ als strategischer Rahmen. Weitere Punkte sind das Mapping der Proteinwende mit rund 500 erfassten Akteur:innen, von denen 73% historisch auf Fleisch, Fisch und Milchprodukte fokussiert waren. Der Gesundheitsnutzen wurde auch monetär bewertet.
Wirtschaftliche Perspektive für die Landwirtschaft
Ein zentraler Diskussionspunkt war, dass die Landwirtschaft oft Einkommensverluste habe, wenn sie auf THG-reduzierte Produktion umstelle. Deshalb brauche es Strategien zur Wertschöpfungssteigerung, nicht nur zur Emissionsreduktion. Landwirt:innen müssen aktiv unterstützt werden, um neue Wertschöpfung aufzubauen – nicht nur Primärproduktion zu leisten.
Schlussfolgerungen für die Schweiz
Aus dem spannenden Input lassen sich für die Diskussion zur Proteinwende in der Schweiz mehrere übergeordnete Beobachtungen ableiten:
Gemeinsame Zielbilder können helfen, Debatten zu versachlichen und unterschiedliche Perspektiven anschlussfähig zu machen.
Ökonomische Argumente spielen eine wichtige Rolle, um politische und wirtschaftliche Akteure einzubinden.
Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette sind zentrale Hebel für Lernprozesse und Innovation.
Angebote für breite Zielgruppen erfordern pragmatische Ansätze und verständliche Narrative.
Die Lunch & Learn-Reihe wird in den kommenden Monaten fortgesetzt. Ziel ist es, internationale Erfahrungen differenziert einzuordnen und gemeinsam mit Akteur:innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft Impulse für die Weiterentwicklung des Schweizer Ernährungssystems zu diskutieren.
Wir freuen uns, möglichst viele Akteure der Wertschöpfungskette an der nächsten Austragung begrüssen zu dürfen!
Weiterführende Links
Dutch protein transition framework (Klimaatweb report)
Green Protein Alliance
Protein Farmers Netherlands (Eiwitboeren)
BeanMeal campaign
Foodvalley Protein Community
Protein Tracker
Foodvalley Protein Transition Trends 2025-2030
Video zu Plant Protein Forward