Wie eine neutrale Koalition die EU-Proteinpolitik bewegt
Rückblick auf unser drittes Lunch & Learn ‘Beyond the Food Fight’ mit Marin Vandamme
Am 23. Juni 2026 fand die dritte Lunch & Learn-Session von Protein Transition Switzerland statt. Diesmal richtete sich der Blick nicht auf ein einzelnes Land, sondern auf die europäische Ebene – und auf eine Frage, die auch die Schweiz beschäftigt: Wie löst man festgefahrene Debatten zur Proteindiversifizierung überhaupt auf? Zu Gast war Marin Vandamme, der mit The Protein Project von Brüssel aus genau daran arbeitet.
Sein Weg in dieses Feld ist bemerkenswert: Physiker von Ausbildung, leitete Marin fünf Jahre lang bei McKinsey die Entwicklung nationaler Ernährungs- und Landwirtschaftsstrategien in Ostafrika, bevor er Fellow der von Rutger Bregman gegründeten School for Moral Ambition wurde – einer Initiative, die ambitionierte Menschen auf die drängendsten Probleme der Welt ansetzt. Aus diesem Fellowship entstand 2025 The Protein Project, gemeinsam mit seiner Migründerin Katrien Martens, die ebenfalls Teil des Fellowship-Programmes war. In Ostafrika, so Marin, sei Proteinmangel ein nationales Thema und pflanzliches Protein schlicht die günstigste Lösung. In Europa stellt sich die Aufgabe anders – und ungleich politischer.
Warum es einen neutralen Akteur braucht
Die Gründungshypothese von The Protein Project war klar: Die Debatte rund um Proteindiversifizierung in Europa braucht einen neutralen, koalitionsbildenden Akteur. Keinen Lobbyverband, keine klassische Advocacy-Organisation. Genau diese Neutralität, betonte Marin, sei entscheidend, um in Brüssel mit Politik und gesamter Wertschöpfungskette ins Gespräch zu kommen.
Den Status quo hielten heute vor allem drei Dynamiken fest: Erstens stabilisiere die bestehende Politik die etablierten Strukturen, mit starken Marktkräften im Rücken. Zweitens seien die Stimmen fragmentiert: Die Stakeholder, die den Status Quo verteidigen, sind ausgesprochen gut organisiert, während sich das Lager der Diversifizierung in internen Grabenkämpfen aufreibt und so an kollektiver Schlagkraft verliert. Drittens herrsche ein Kulturkampf, in dem viele eine Auseinandersetzung scheuen – eine eigene Arbeitsgruppe für Proteindiversifizierung gab es auf EU-Ebene lange gar nicht.
Die Antwort von The Protein Project: Empfehlungen entwickeln, die nicht von einem Sektor, sondern von der gesamten Wertschöpfungskette getragen werden, mit Lanwirt:innen im Zentrum – und das Narrativ breiter gestalten, weg von Klima und Tierwohl als Kernnarrative, hin zu betrieblicher Resilienz, Gesundheit und Wettbewerbsfähigkeit.
Die Legume Renaissance Roadmap: von 90 Interviews zu konkreten Empfehlungen
Wie das konkret aussieht, zeigte Marin am Beispiel der Legume Renaissance Roadmap, erarbeitet mit 19 Akteur:innen aus der gesamten Wertschöpfungskette und gestützt auf über 90 Expert:innen-Interviews. Bewusst konzentrierte sich das Projekt auf eine einzige Kultur: die Ackerbohne (Favabohne). Die Auswahl folgte klaren Kriterien – ökologische Leistung, Reife der Wertschöpfungskette und Verfügbarkeit in Europa. Aus einer engeren Auswahl rund um Soja, Gelberbsen und Ackerbohne wurde schlussendlich auf letztere fokussiert. Ein Grund dafür war auch, dass die Ackerbohne in Europa eine lange Geschichte als eine der ältesten Kulturpflanzen des Kontinents hat.
Der eigentliche Wert, so Marins zentrale Botschaft, lag nicht darin, etwas Neues zu erfinden, sondern bestehendes Wissen in einem verständlichen Dokument zu bündeln. Entscheidend dabei: Die Empfehlungen stammen nicht von der Organisation, sondern aus der Wertschöpfungskette selbst. The Protein Project versteht sich als Convener – als Bühne, nicht als Absender. Entlang der Kette zeigten Beispiele aus ganz Europa das Potenzial: Frischvermarktung in Spanien, der Wechsel der Ackerbohne vom Futtermittel zum Lebensmittel mit höherer Wertschöpfung oder Fava-Mehl im Brot für Spitäler.
Gemeinsame Hürden seien geringe Mengen, geringe Investitionen und eine stagnierende Infrastruktur – weshalb öffentliche Investitionen unverzichtbar bleiben. Die Empfehlungen wurden bewusst an konkrete politische Dossiers geknüpft: Je einfacher die Arbeit für die Politik, desto offener die Ohren. Und je nach politischer Gruppe lasse sich der jeweils passende Aspekt in den Vordergrund rücken.
Vom Papier in die Politik: erste Wirkung
Dass nicht die Organisation spricht, sondern die Wertschöpfungskette, ist der zentrale Hebel. Wenn eine Landwirtin Investitionen fordert, wirkt das ungleich stärker, als wenn Marin und sein Team es täten. Ein Launch-Event mit rund 200 Teilnehmenden, begleitet von einer Keynote von EU-Agrarkommissar Christophe Hansen, sowie mehrere Gespräche mit dem Kabinett zeigten, wie tragfähig dieser Ansatz ist. Das wirtschaftliche Potenzial liessen sie gemeinsam mit Systemiq und der Universität Wageningen quantifizieren. Die Zahlen seien am Ende weniger ausschlaggebend gewesen als erwartet, ihr Fehlen aber wäre deutlich aufgefallen. Für die Schweiz fehlen solche Zahlen aktuell noch.
Die Resultate können sich sehen lassen: Kamen Leguminosen zuvor kein einziges Mal vor, zielen inzwischen über die politischen Gruppen hinweg rund 40 Änderungsanträge zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) darauf, pflanzliche Proteine zu verankern. Der lang erwartete EU-Proteinplan, der im Juli erscheinen soll, denkt Lebens- und Futtermittel zusammen und rückt nicht nur die Produktion, sondern auch die Nachfrage in den Blick. Leguminosen stehen dabei weit oben auf der Agenda – ein kollektiver Erfolg, wie Marin betonte.
Welche Narrative wirken?
Welche Argumente ziehen auf EU-Ebene? Am stärksten, so Marin, wirkten Wettbewerbsfähigkeit und das Gefühl, in der Vergangenheit Entwicklungen verpasst zu haben – etwa bei Elektroautos. Auch Chinas massive Investitionen in neuartige Proteine wirkten als Weckruf. Hinzu kommen strategische Autonomie (Abhängigkeit von importiertem Soja und Düngemitteln) und die Resilienz der Betriebe, gerade vor dem Hintergrund der Düngerkrise.
Das Gesundheitsargument verfange auf EU-Ebene bislang weniger als erhofft: Es ist kaum mit Budget hinterlegt, vieles liegt bei den Mitgliedstaaten, und die Verarbeitungsdebatte hat teils gegen den Sektor gearbeitet – einen weiteren Versuch sei es dennoch wert.
Gegenüber den grossen Bauernverbänden setze man konsequent auf neutrale statt auf konfrontative Positionen und stelle die Landwirt:innen ins Zentrum. Es gehe darum, das Fenster des politisch Möglichen zu verschieben und zugleich machbare, konkrete Schritte anzubieten.
Welche Argumente überzeugen Landwirt:innen selbst? Das hänge vom Betrieb ab, doch die Stickstofffixierung der Leguminosen senke die Düngerkosten – ein starkes Argument auch im konventionellen Anbau –, die Diversifizierung des Anbaus reduziere Ertragsschwankungen, und die Verarbeitung auf dem Hof halte Wertschöpfung in der Region.
Was die Schweiz mitnehmen kann
Aus Marins Input lassen sich für die Schweizer Debatte mehrere übergeordnete Beobachtungen ableiten – gerade mit Blick auf die anstehende Agrarpolitik 2030+:
Neutralität als Strategie: Ein glaubwürdiger, von keiner Seite vereinnahmter Akteur kann Lager zusammenbringen, die sich sonst gegenseitig blockieren.
Die Wertschöpfungskette sprechen lassen: Empfehlungen wirken stärker, wenn sie aus der Branche selbst kommen und nicht von einer Interessenorganisation.
Konkret statt abstrakt: Der Fokus auf eine einzige Kultur und auf benannte politische Dossiers macht Forderungen anschlussfähig und für die Politik bearbeitbar.
Narrative verbreitern: Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und strategische Autonomie öffnen Türen, die mit Klima- und Tierwohlargumenten schwerer zu öffnen sind.
Zahlen schaffen Anschlussfähigkeit: Eine eigene Studie zum wirtschaftlichen Potenzial fehlt der Schweiz nach wie vor – ohne Zahlen bleibt das Argument für Politik und Wirtschaft zu abstrakt.
Das politische Fenster nutzen: Mit der Reform der Agrarpolitik 2030+ am Horizont ist der Moment, gemeinsame Roadmaps zu bauen, gerade jetzt.
Die Lunch & Learn-Reihe wird in den kommenden Monaten fortgesetzt. Wer keine Einladung verpassen möchte, kann sich für unseren Newsletter anmelden – und wer diesen Beitrag teilt, hilft, die Debatte in die Breite zu tragen. Wir freuen uns, möglichst viele Akteur:innen der Wertschöpfungskette an der nächsten Austragung begrüssen zu dürfen.