Wirtschaftskraft statt Klimaargument: Einblicke in die deutsche Proteinwende

 

Rückblick auf unser zweites Lunch & Learn ‘Proteinwende unter Druck’ mit Ivo Rzegotta

 

Am 16. April 2026 fand die zweite Lunch & Learn-Session von Protein Transition Switzerland statt, bei der rund 30 Teilnehmende online zusammenkamen. Im Zentrum stand dabei unser Nachbarland Deutschland. 

Ivo Rzegotta, Leiter DACH beim gemeinnützigen Think Tank Good Food Institute Europe (GFI Europe), gab einen offenen Einblick in die politische Arbeit der letzten Jahre: Was hat in Deutschland funktioniert, wo hakt es? Und was lässt sich auf die Schweiz übertragen? 

GFI ist ein gemeinnütziger, wissensbasierter Think Tank, der mit Forschung, Wissenschaft und Politik zusammenarbeitet, um pflanzenbasierte, fermentationsbasierte und kultivierte Fleisch- und Milchprodukte voranzubringen. 

Deutschland als Pioniermarkt – und seine Grenzen

Deutschland ist mit Abstand der grösste Markt für pflanzliche Produkte in Europa. Der Markt ist relativ stabil, mit leichtem Wachstum, während in vielen anderen europäischen Ländern kaum noch Dynamik zu beobachten ist. Die Wachstumstreiber sind dabei nicht Veganer:innen, sondern Flexitarier:innen: Rund vier von zehn Menschen in Deutschland rechnen sich dieser Gruppe zu, und insgesamt 38 % der deutschen Bevölkerung sagen in repräsentativen Umfragen, dass sie künftig mehr pflanzliche Lebensmittel konsumieren wollen.

Auch der Retail bewegt sich: REWE hat eine eigene Proteinstrategie und investiert in Startups, Lidl gilt als Pionier im Bereich Preisparität. Viele etablierte Unternehmen investieren seit Jahren in den Sektor und bauen ihr Engagement aus, selbst Tönnies – einer der grössten Fleischverarbeiter Deutschlands – investiert mittlerweile in ein Startup für Biomassefermentation.

Sechs Herausforderungen für den Sektor

Rzegotta zeichnete allerdings kein reines Erfolgsbild. Er nannte sechs strukturelle Herausforderungen, die den Sektor aktuell prägen:

  • Marktstagnation: Das Wachstum der letzten Jahre hat sich verlangsamt. Die Wachstumserwartungen mancher Unternehmen haben sich nicht erfüllt, und nun justieren sie nach.

  • Marktkonsolidierung: Einige Startups sind vom Markt verschwunden, und auch bei manchen etablierten Herstellern sich Fusionen und Sortimentbereinigungen an. 

  • Finanzierungslücke: Im Vergleich zu vorherigen Jahren fliesst kaum privates Risikokapital in den Sektor, auch weil derzeit viel Geld in AI geht.

  • Regulatorische Hürden: Das Zulassungsverfahren für neuartige Lebensmittel in der EU ist grundsätzlich zu begrüssen; in der Praxis dauert es aber zu lange, was gerade für Startups ein Problem darstellt.

  • Fehlende Wertschöpfungsketten: Es ist häufig noch nicht profitabel, Rohstoffe in der Region herzustellen. Nordzucker hat eine 100-Mio.-Euro-Investition für heimische Erbsenverarbeitung zurückgezogen.

  • Angespannte Haushaltslage: Dringend notwendige öffentliche Mittel zu mobilisieren wird immer schwieriger, auch aus anderen europäischen Ländern kommen eher zurückhaltende Signale.

Politische Lage: Viel Absicht, lückenhafte Umsetzung

Unter der Ampel-Koalition (2021–2025) gab es zwar erste lobenswerte Initiativen, aber vieles blieb unvollendet: Eine EU-Proteinstrategie wurde nicht verabschiedet, der gemeinsame EU-Vorstoss mit Dänemark liegt auf Eis. Im neuen Koalitionsvertrag finden sich dennoch Anknüpfungspunkte – über Klimaneutralität durch Innovation, Biotechnologie als Schlüsseltechnologie und eine Hightech-Agenda. Diese Themen haben nur auf den zweiten Blick mit Ernährung zu tun, doch genau hier kann der Sektor aufsetzen, indem er das Potenzial von alternativen Proteinen für zukünftige Wertschöpfung betont. 

Das neue Narrativ: Wirtschaftskraft statt Klimaargument

Entscheidend ist aus Sicht Rzegottas eine Verschiebung im Framing: weg von einer zu starken Betonung von Umweltargumenten, hin zum Beitrag innovativer Lebensmittel zur Wirtschaftskraft und Ernährungssicherheit

Systemiq hat eine erste Studie zum wirtschaftlichen Potenzial alternativer Proteine erarbeitet: bis zu 40’000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, 250’000 insgesamt, sofern massiv und koordiniert investiert wird. Mit Zahlen lässt sich der politische Diskurs versachlichen und das wirtschaftliche Potenzial aufzeigen.

Eine vergleichbare Studie fehlt für die Schweiz aktuell noch.

Was lässt sich aus Deutschland für die Schweiz ableiten?

Die Herausforderungen in Deutschland sind kein Sonderfall – sie sind ein Vorschaubild auf das, was der Schweiz bevorsteht, wenn jetzt keine Weichen gestellt werden. Rzegotta schloss mit fünf konkreten Empfehlungen:

  • Keine Polemisierung: Wer die Proteinwende vorantreiben will, darf den politischen Kulturkampf nicht selbst befeuern. Sachlichkeit ist kein Zugeständnis, sondern Strategie.

  • Politische Fenster nutzen: Anknüpfungspunkte über den High-Tech-Winkel sowie Narrative zu Ernährungssicherheit und wirtschaftliche Potenziale sind auch ohne direktes Mandat zur Proteinwende vorhanden.

  • Alle einladen – insbesondere Landwirt:innen: Die Transformation gelingt nur, wenn sie wirtschaftliche Perspektiven für die Landwirtschaft und andere etablierte Akteure schafft, statt sie auszuschliessen.

  • Sprache überdenken: "Proteindiversifikation" statt "Proteinwende" eröffnet breitere Koalitionen und senkt die politische Einstiegshürde. Mittelfristig braucht es auch neue Begrifflichkeiten für technisch-abstrakte Begriffe wie “alternative Proteinquellen”.

  • Ökonomisches Potenzial belegen: Die Schweiz braucht eine eigene Marktstudie. Ohne Zahlen bleibt das Argument für Politik und Wirtschaft zu abstrakt.

  • Kräfte bündeln: Alle Einzelakteure sind zu klein, um allein Wirkung zu erzielen. Ein abgestimmtes Auftreten gegenüber der Politik ist keine Option, sondern Voraussetzung.

Die nächste Lunch & Learn-Session ist bereits in Planung. Wer keine Einladung verpassen möchte, kann sich für unseren Newsletter anmelden – und wer den heutigen Beitrag teilt, hilft, die Debatte in die Breite zu tragen.

Weiterführende Links

Studie von Systemiq zum wirtschaftlichen Potenzial in Deutschland

Studie von HarrisX zu Einstellungen der Menschen in Deutschland zu pflanzlichen Proteinen

GFI-Report zur Entwicklung des deutschen Plantbased-Marktes 2022-2024 (nächster Report kommt im Juni)

GFI-Überblick zum Wissenschaftssystem für alternative Proteine im DACH-Raum

Gutachten eines Beirats des deutschen Landwirtschaftsministeriums (WBAE) zu Alternativprodukten

Protein Transition Switzerland Newsletter (Infos zu zukünftigen Events)

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Proteinwende unter Druck: Was die Schweiz von Deutschland lernen kann